Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem!

Glumbosch, seines Zeichens Aventurien-Fan, hat antisemitische Klischees in DSA-Publikationen aufgedeckt (zu seinem Blog-Artikel). Wie zu erwarten gibt es heftige Gegenreaktionen im DSA-Forum (Link) und auf Facebook. „Nestbeschmutzern“ geht es immer so, das ging Kritikern genau so, als in einer Publikation eines anderen Rollenspielverlags ein Foto von Heydrich entdeckt wurde [Satz nachträglich editiert], mit der verharmlosenden Untertitelung „Bei der Polizei“ (mutmaßlich ein Versehen, ich will auf dieser alten Geschichte nicht groß herumreiten).

Zurück zum aktuellen Skandal, dem „Grolm-Gate“: Glumbosch wird vielfach kritisiert, weil er, obwohl er sich um Ausgewogenheit bemüht, bei einigen seiner Anmerkungen, Belegen und Kritikpunkten etwas übereifrig auftritt. Seine Kernargumente jedoch bleiben bisher unwiderlegt: Die DSA-Box „Dunkle Zeiten“ birgt offenbar eine ungesunde Verquickung problematischer Motive – Gier, Hang zum Betrug und Hässlichkeit als Merkmale eines Volkes, daraus folgend Vertreibung und Genozid. Wie Glumbosch nahelegt, hat man in der DSA-Redaktion inzwischen erkannt, dass hier antisemitisch interpretierbare Klischees ausgeschlachtet wurden, und steuert dem subtil entgegen, indem man sich längst um eine weniger offensichtlich mit judenfeindlichen Stereotypen korrespondierende Beschreibung der Grolme bemüht. Nachdem der Skandal nun aber extern hochgekocht ist, wäre es angemessen wenn sich Ulisses Spiele offiziell von den problematischen Teilen jener Box distanzieren und eine Korrektur der fiktiven Geschichte Aventuriens zur Verfügung stellen würde.

Eine Vielzahl der Kritiker Glumboschs versucht derweil, ihn zu diskreditieren, ihm als Nicht-Juden das Recht abzusprechen, sich zum Antisemitismus zu äußern, wo doch einzelne Juden DSA in Schutz nehmen, oder sie finden allerlei fadenscheinige Begründungen, warum es in Ordnung sei, wenn das von Klischees lebende DSA auch antisemitische Klischees nutze.

Dies sind höchst problematische Argumentationen. Deutschland hat eine historische Verantwortung, vor der wir uns, so unangenehm sie sein mag, nicht drücken dürfen. Die Shoah allein war mehr als fürchterlich, doch Juden wurden nicht erst zur Nazizeit von Deutschen verfolgt, und ihre Verfolgung endete nicht mit dem Nationalsozialismus: Das Halle-Attentat von 2019 sollte uns doch wachgerüttelt haben! Hat es nicht, wenn ich lese, mit welcher Unbedarftheit eine Menge Leute ihre Meinung ins Internet ergießen. Aus den Reaktionen auf das Grolm-Gate folgere ich: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem. Der Zentralrat der Juden hat leider recht: Antisemitismus in Deutschland geht nicht nur von „den“ Muslimen aus (die Abwertung von Muslimen und die Pauschalisierung sind übrigens auch Rassismus), sondern in Form von latentem Antisemitismus kreuz und quer aus der breiten Gesellschaft (Link).

Das stimmt mich traurig. Die vierte Strophe von Heinrich Heines Weberlied kommt mir in den Sinn. Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem.