Das fantastische Freudenhaus

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr zum Thema Sex im RPG zu bloggen, aber nun hat, angespornt durch den RSP-Karneval „Romantik & Liebe“, jemand Bordell-Begegnungstabellen gebloggt, was nun mein Hirn zum Rattern darüber gebracht hat, wann so etwas interessant und nützlich ist und wann nicht.

Spannungsfeld Erotik

Erotik ist, so meine These des Tages, immer ein raffiniertes Spannungsfeld gegensätzlicher oder konkurrierender Pole, im Gegensatz zur Pornografie, welche, wenn sie auf Erotik verzichtet, oft das Extreme anstrebt, um den Reiz zu maximieren. Einige Beispiele erotischer Spannungsfelder sollen verdeutlichen, was ich damit meine:

  • Jede Verführung, jeder Flirt ist ein erotisches Spannungsfeld, ein Spiel der Grenzüberschreitungen, ein Verlassen sicherer Bereiche und ein Vordringen in ungewisse. Hier kann ein „Nein“ ein „Ja“ bedeuten und ein „Ja“ ein „Nein“.
  • Der Reiz des Verbotenen macht den Ehebruch für manche Menschen zu einer besonders schwer widerstehlichen Versuchung.
  • Der Reiz des Verbotenen sowie der Gegensatz Keuschheit/Perversion lässt andere gerne von Nonnen oder Mönchen fantasieren.
  • Eine weitere verbreitete Spielart der Liebe bewegt sich zwischen den Polen Lust/Schmerz, Belohnung/Strafe, Begehren/Vorenthalten, Kontrolle/Unterwerfung – ohne Gegensätze funktioniert sie nur als Pornografie, nicht als Erotik.
  • Der Gegensatz Schönheit/Hässlichkeit ist die Basis für einige Fetische, bspw. wenn sich jemand durch Frauen mit Narben angezogen fühlt.

 

Erotik im Fantasy-RPG herbeiführen

Der Fantasy-Rollenspieler möchte nicht mit alltäglichem gelangweilt werden. Wir plündern schließlich Drachenhorte, pfählen Vampire, erschlagen Betrachter, weil das den Rahmen des im wahren Leben möglichen sprengt. Ein Spielleiter sollte sich daher nicht damit aufhalten, das Lederkostüm einer Domina zu beschreiben (vielleicht hat jemand der Anwesenden sowas selber im Kleiderschrank) oder eine Kulisse, wie sie in einem realen Swingerclub, Bordell oder Domina-Studio als „exotische“ Umgebung zur Verfügung stehen kann. Das können wir uns selber ausmalen! Gebt uns bitte etwas, dem wir im wahren Leben nicht begegnen können. Danke!

Erzählt etwas ambivalentes, widerstreitendes, nutzt Spannungspole wie Schönheit/Groteskes oder Verlockung/Gefahr. Beispiel Bordell: Das Haus der exquisiten Erquickungen ist einer ausgewählten vornehmen Kundschaft vorbehalten und nimmt neue Gäste nur auf Empfehlung eines Stammgastes auf. Jedes der Freudenmädchen pflegt eine besondere Art, ihren Gast zu empfangen:

  • Die Schöne und der Schädel: Die Tür öffnet sich in ein samtüberfrachtetes kerzenerleuchtetes Boudoir. Eine grazile Schönheit, deren bleiche zarte Haut mit dem Schwarz ihrer Haare und ihres Kleides kontrastiert, sitzt auf einem Stuhl in der Mitte des Zimmers, den gesenkten Blick auf einen menschlichen Schädel in ihrem Schoß gerichtet. Langsam schauen ihre gelangweilten Augen auf, und kühl stellt sie die Frage: „Bist du gekommen, um den Fluch der Schwermut von mir zu heben?“ (Hier habe ich eine Idee aus irgendeinem Roman von Tanith Lee geplündert).
  • Die Kettenechse: Ein kahler, schlecht beleuchteter Kellerraum, zahlreiche Ketten hängen von der Decke. Es klirrt, und eine akrobatische Gestalt klettert kopfüber vor dem Besucher herunter. Ihr Körper ist unbekleidet bis auf das Muster Echsenschuppen auf ihrer Haut. Sind diese aufgemalt, tätowiert oder echt?
  • Die unerfüllte Gräfin: In diesem Raum wartet kein Freudenmädchen, sondern eine hoch gestellte Persönlichkeit, die ihr gelangweiltes Leben durch verstohlene Freuden inkognito bereichert, zumindest beteuert dies das Personal des Freudenhauses. Der Raum ist unbeleuchtet, die unbekannte Dame kommuniziert nur über Körperkontakt mit dem Gast.
  • Spiegel und Schlangen: In einem Spiegelkabinett wartet eine Schönheit, deren Kleidung einzig und allein in einer abstoßend gestalteten, fest angebrachten Medusa-Maske besteht. Wir wollen hoffen, dass sich hinter der Maske wirklich nur eine menschliche Prostituierte verbirgt, und keine Medusa verkleidet als Freudenmädchen verkleidet als Medusa …

 

Vom Spielwert erotischer Begegnungen

Bei aller Begeisterung für das Erzählen von Erotik sollten wir im RPG den Spielwert nicht vergessen.

Beispiele für gelungene Ausschweifungstabellen sind:

  • die berühmte Carousing Table von Jeff Rients
  • Jack Shear‘s Tabelle „Inoxicated at the caberet mishap“ in „Tales of the Dungeonesque and Grotesque III“, Seite 33, (pdf hier, HC print dort).

Ein kurzer Bordell-Abenteurabriss aus meiner Lankhmar-Kampagne ist „Das spukende Bordell“. Es ist nicht direkt erotisch, hatte aber dafür Spielwert, vielleicht lassen sich Anfang und Ende an andere Kampagnen anpassen:

  • Einer meiner Spieler hatte festgelegt, dass sein Charakter im Bordell geboren und großgezogen worden war.
  • Eines Abends begegneten die Spielercharaktere panisch fliehenden Prostituierten aus eben jenem Vergnügungshaus. Sie berichteten von einer Geisterplage.
  • Die Spieler bereiteten sich darauf vor, mit Untoten konfrontiert zu werden und drangen in das verlassen Freudenhaus ein.
  • Stattdessen fanden sie Gegner wie animierte Statuen und „Fallen“ wie fliegende Scheren, wackelnde Stufen oder belebte Möbel vor – reine Poltergeistaktivität.
  • In der Dachkammer wartete ein hässlicher Dekapus im Gebälk, welcher den Bordellgeborenen mit „Mein Sohn…“ anredete.
  • Wie sich herausstellte, war dieser „Endgegner“ eine Manifestation des Hauses selbst, welches in Panik geraten war, weil „sein Sohn“ in schreckliche Gefahr geraten war. Der Dekapus bzw. das Haus riet seinem Zögling, schnellstmöglich die Stadt zu verlassen. Tatsächlich hatte dieser den Zorn der Stadtgötter Lankhmars erregt und war hinterher sehr froh, den Rat des „Elternhauses“ befolgt zu haben.
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Published in: on Juli 15, 2016 at 4:38 pm  Comments (1)  
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  1. Schöner Artikel! Sind ein paar interessante Denkanreize bei, falls man selbst mal ein Bordell gestalten will.


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