Abenteurerinnen. Kriegerinnen. Heldinnen. Teufelinnen. Historische Frauenfiguren als Inspiration für Spieler-Personnagen.

Tobi und Torsten vom Donnerhaus-Blog / PnPNews haben historische Frauenvorbilder gesammelt, um zu zeigen, dass in historischen Rollenspiel-Settings nicht nur Männerrollen Hauptrollen sein müssen (1, 2, 3). Von Hedy Lamarr sind sie sogar so begeistert, dass sie sie gleich in zwei Artikeln aufgezählt habaen (auf dass der Leser in paternalistisch-ehrfurchtsvolles Staunen verfallen möge: „Oh, eine schöne Frau, die auch Erfinderin ist?“).

Nun liebt nicht nur Torsten Frauen, auch der ghoul begeistert sich für historische Abenteurerinnen und Kämpferinnen. Außergewöhnliche Frauen gibt und gab es viele, meine Recherche beschränkt sich (bis auf eine Ausnahme) auf die Zeit bis zum 1. Weltkrieg, auf historische belegte Frauenfiguren, auf Inspirationsquellen für Abenteuerrollenspiel-Personnagen.

 

Abenteurerinnen

Mary Anne Talbot (1778-1808) fuhr in Männertarnung zu See, in der Kriegsmarine, wo sie Matrose, Kanonier und Fähnrich wurde. Ihre Reisen begannen als Spielball besitzergreifender Männer, ihre neue Identität als Seemann wurde gewisserweise ein Weg in die Freiheit und Selbstverwirklichung.

Mary Anne Talbot: Verkleiden 60%, Seefahrt 55%, Kanonen 40%, Trinkfestigkeit 70%.

In exotische Länder zu reisen war der Herzenswunsch einer jungen Niederländerin namens Alexandrine Tinné (1835-1869). Glücklicherweise war die junge Frau reich genug, um ihren Wunsch umsetzen zu können, ohne auf den standesgemäßen Luxus zu verzichten. Mehr zu ihrer Geschichte ist in dem verknüpften SZ-Artikel zu lesen. Scrollt dort durch die Serie Reisepioniere, es sind die Geschichten vieler bemerkenswerter Frauen dabei.

Alexandrine Tinné: Arabisch 35%; Kreditwürdigkeit 90%; Ausrüstung (immer dabei): 102 Kamele, Porzellan-Service, Klavier.

 

Kämpferinnen

Alice von Antiochia (1110-1137) war die Tochter König Balduins II. von Jerusalem und die Gemahlin von Bohemund II. von Antiochia. Als letzterer fiel, beanspruchte sie Antiochia für sich, statt ihrem Vater die Stadt zu überlassen. Dabei genoss sie als Tochter einer griechisch-orthodoxen Armenierin die Unterstützung der einheimischen koptischen und griechischen Bevölkerung. Um sich gegen Balduin II. zu behaupten, strebte sie ein Bündnis mit Zengi, dem (muslimischen) Herrn von Mossul und Aleppo an. Ihr Bote, der eine prunkvolle Rüstung als Geschenk an Zengi trug, wurde jedoch von Balduin II. abgefangen und aufgeknüpft. Balduin belagerte daraufhin seine Tochter, die sich in der Zitadelle von Antiochia verschanzte und nach einem kurzen symbolischen Widerstand kapitulierte. Balduin verbannte Alice, die aber ihr Leben weiterhin mit Versuchen verbrachte, Antiochia wiederzuerlangen. (Siehe Amin Maalouf, Les croisades vues par les Arabes, S.138).

Die Geschichte ist voller Herrscherinnen und Beinahe-Herrscherinnen, die sich bemühten, ihr Recht gegen mächtige Männer durchzusetzen. Eine weitere, Maria Palaiologina Kantakuzenos, ist in meinem Setting Tarnowo 1277 übrigens eine der wichtigsten Nichtspieler-Personnagen.

Herrscherinnen als Spieler-Personnagen, welcher Spielleiter lässt das zu? [Randnotiz: Da kommt mir spontan eine Kampagnen-Idee: Die SC sind Lokalfürstinnen in Palästina und Syrien und müssen ihre Domänen gegen die Zugriffe machtgeiler christlicher und muslimischer Fürsten schützen. Dazu gibt es eine Hexfeld-Karte, die nach OD&D-Regeln mit Burgen gefüllt wird.]

Wo aber sind nun die spielrelevanteren Schildmaiden und Amazonen, Frauen mit Schwertern in der Hand? Ja, die finden wir tatsächlich auch. In Birka in Schweden wurde ein Grab mit den Gebeinen einer Fürstin aus dem 10. Jahrhundert geöffnet, die mit ihren Waffen bestattet wurde. Waffen, keine Zeremonie-Spielzeuge!

Um Kriegerin zu sein, musste man nicht unbedingt von hoher Geburt sein. Die bekannteste Kriegerin in Europa war zweifellos Jeanne d‘Arc – Johanna von Orléans (1412-1431). Ihr Leben und ihr Tod sind gut dokumentiert (bspw. durch kirchliche Verhörprotokolle), zahllose Texte und Verfilmungen gibt es über sie, so dass ich sie wohl als allgemein bekannt voraussetzen darf. Jeanne d’Arc: Paladin Stufe 8.

Eine moderne Soldatin in den Balkankriegen und hochdekorierte serbische Kriegsheldin im 1. Weltkrieg war Milunka Savic (1889-1973). The Great War berichtete:

Zu weiteren Nachforschungen über Kriegerinnen eignet sich auch diese Wikipedia-Liste (klick).

 

Räuberinnen zur See und zu Land

Als die Piraterie in der Karibik ihren Höhepunkt hatte, trieben dort nicht nur männliche Piraten ihr blutiges Handwerk. Anne Bonny (1697-1782), die Geliebte und Partnerin des Calico Jack, und Mary Read (1685-1721) waren Piratinnen. Anne Bonnys männliche Verkleidung flog auf, als sie schwanger war, und Mary Reads Männerrolle kam durch Calico Jacks Eifersucht ins Wanken, der sich an Annes Interesse an „Mark Read“ störte. Aber zum Glück war Mark eine Mary, also alles nicht so schlimm. Anne Bonny und Mary Read wurden letztendlich zwar gefangen und verurteilt, entkamen dem Henker aber, indem sie Schwangerschaft vorweisen konnten.

Frauen konnten aber auch ganz regulär Kapitän sein, so wie „Kaperkönigin“ Ingela Gathenhielm (1692-1729). Ihr Leben verlief ganz geordnet, sie erbte den Kaperbrief mit allen Unternehmen ihres Mannes, völlig legal.

Weitere Piratinnen findet man in auf Wikipedia (klick).

Kommen wir nun zu einer Frau, deren Leben sich nicht eignet, als Personnagen-Schablone ausgebeutet zu werden, denn zu leidvoll ist es, zu gegenwartsnah, und doch kann ich sie hier nicht übergehen. Ihr Leben und ihr Tod gemahnen an die Archetypen griechischer Tragödien oder schlechter Revenge-Porn-Romane, und doch war sie real. Opfer, Täterin, Banditenkönigin, Rächerin der Armen, Frauenrechtlerin, Parlamentarierin, Mordopfer – wie kann man sie kategorisieren? Medienberichte, Dokumentarfilme, Trashfilme tun sich schwer. Sie selbst sagte über sich, sie wolle statt als Frau lieber als Tier wiedergeboren werden. Ich spreche von Phoolan Devi (1963-2001).

 

Fazit

Frauen mit außergewöhnlichem Mut und Kampfgeist gab es zu allen Zeiten, ob gegen ihren Willen oder freiwillig, ob in Verkleidung oder offen als Frau. Weibliche Spielerpersonnagen müssen auch in historischen Settings nicht in die Krankenschwester-/Heilerin-Nebenrolle gedrängt werden. Eine wahre Abenteurerin ist eben nicht nur eine verirrte Schneeflocke.

Published in: on Oktober 16, 2019 at 2:45 pm  Kommentar verfassen  
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